Handyzwang und Grippenphobie

By the horse with the blinders eating the hay

flughafen
Es ist nicht von der Hand zu weisen. Richtig auffällig. Exzessiver Handygebrauch am Flughafen. Je näher der Flug rückt, desto dichter die Strahlungswolke, ja ein Strahlungsgewitter quasi. Ist irgend so ein Psychoding, da bin ich mir sicher: Noch eine letzte Botschaft absetzen, bevor ich reise. Ins Ungewisse. Es gibt Dinge, die einfach gesagt werden müssen, schnell, präzise – in früheren Zeiten ein Winken von der Schiffsreling hinunter zu den Liebsten, die am Hafen untröstlich zurückbleiben und die Stunden zählten, bis man wieder zurückkehrte, heute ein Mobile Call: „Geht jetzt los, du!“ „Bin in einer Stunde da!“ oder natürlich noch eine schnelle T9 Sms: Geht jetzt los, du! Bin in einer Stunde da! Diesmal hatte ich mich ganz bewusst dagegen entschieden. Kopfhörer eingestöpselt: Redshape – The Dance Paradox, schön laut. Man kann Zwangshandlungen gar nicht früh genug bekämpfen. Als iPhone Benutzer ist man schon auf halbem Wege zum Tourette Syndrom. Versuch mal dieses verdammte Ding eine halbe Stunde nicht anzufassen – nur kurz … den Daumen über dieses verdammte sexy Touchscreen streichen und einfach irgendwo hin scrollen. Egal wohin. Hauptsache gescrollt. Schwierig genug. Auf dem Flughafen: Unmöglich. Fast. Also, kognitive Verhaltenstherapie, mehr oder weniger. Ich zwinge mich dazu, mein Handy nicht anzufassen, Scrollverbot, anrufen und Short Messages total verboten. Klappt natürlich nicht auf Anhieb. Man nimmt sich also erstmal vor: Ab jetzt werden 30 Minuten vergehen, bis ich das nächste Mal scrolle oder mein Handy sonst wie anfasse. Muss man dann langsam steigern. Habe ich mir von Pelle Sandstrak „Mr. Tourette und ich“ abgeschaut. Okay, er konnte über keine Türschwelle mehr gehen und nicht mehr duschen. Aber das Prinzip ist ja das gleiche. Kann man auf alle angehenden Zwangshandlungen anwenden – zum Beispiel Twitter User, also: Ich habe jetzt eine total geile Sache erfahren, gelesen, gesehen, lasse aber erst 30 Minuten vergehen, bis ich es „twittere“. Schwierig genug – aber Phobien kann man gar nicht früh genug begegnen. Wenn man denn will. Aber ein paar kann man natürlich in den Alltag einbauen.
Türklinken nicht anfassen kommt zur Zeit gerade cool. Oder jedem Menschen, der ungeniert vor sich herhustet, einen wirklichen bösen Blick zuwerfen. Man stemmt sich gegen die Pandemie, im kleinen zwar nur, aber … wäre ich jetzt Paolo Coelho Leser, hätte ich bestimmt einen Megaspruch parat, in der Art von: Auch ein kleiner Stein kann große Wellen schlagen. Oder ne spitzen Anekdote. Das wäre – fällt mir gerade ein – eine wirklich schlimme Zwangshandlung – jedes neues Paolo Coelho Buch lesen zu müssen.

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